Menschliche Stadtbilder

Just im Moment des Aufbruches in die Innenstadt fängt es an zu regnen. Der Himmel ist in ein einheitliches Grau getüncht und verschleiert die Farben des eigentlichen Sommers. Die Luft ist kalt und fast möchte man zurück ins Bettchen kriechen und den Tag von dort aus beobachten. Ich überlege kurz den Winterpullover, der sich in meinem Koffer verirrt hat, rauszuholen. Entschließe mich dann aber dem Wetter meine Resistenz zu zeigen. Mutig kämpfe ich mich bis zur Bushaltestelle. Dabei meinen es die Bäume besonders schlecht gut mit mir und lassen ihre dicksten Tropfen auf meinen Körper tropfen.

Der Bus ist bestückt mit Gestalten, die das Wetter ertragen. Ein Mann hält einen Sack Kartoffeln fest, als würde dieser jeden Moment von allein losrennen. Etwas weiter vorne sitzt eine Frau, deren Mund eine auffällige Größe aufweist. Beim Lachen bemerkt man ihre Scham über die fehlenden Zähne. Ihr Sohn ist ein ein süßer Fratz im Kindergartenalter. An der Haltestelle steigt eine weitere Frau ein. Ihre gesundheitlichen Problem durchdringen beim Gespräch mit dem ‘Kartoffelmann’ den ganzen Bus. Ihre Alkoholfahne ebenfalls. Sie muss zur Bank, bekundet sie offen. Mit einer Plastiktüte und einer Adidassporthose bewegt sie sich zu den hinteren Sitzen.

Am Hauptbahnhof entdeckt man keine großen Spuren der Loveparade des vergangenen Wochenendes. Ein einzelner dünner dürrer Jugendlicher bewegt sich wie nicht von dieser Welt durch die Bahnhofshallen. Ich brauche Zigaretten und steuere auf das Tabakgeschäft zu. Die Frau hinter dem Tresen hat stimmlich eine gewaltige Ähnlichkeit mit Anke Engelke, alias Ricky’s Popsofa. “Ich bin neu hier, ich kann noch nicht alles” speite sie den Kunden mit krächtzender Stimme entgegen. Dabei wirkte sie unsicher.

Im Frisörladen im 2. Stock angekommen schaue ich auf einen nassen Platz draußen. Meine Beine wippen im Takt der Housemusik. Gleichzeitig huscht ein Rollstuhlfahrer mit einem Bein, sein Schwungbein, durch den Regen über den Platz. Sein eines Bein bewegt sich wie meines genau im Takt. Fast könnte man meinen, er hört die Musik.

Es regnet immernoch. Ich suche Schutz beim Laufen unter den Vordächern der Läden, um so halbwegs trocken zurück zum Bahnhof zu gelangen. Meinen Weg versperren mir Menschen, die trotz Schirm die selbe Idee haben. Why the funk? Eine lebensgefährliche Angelegenheit, wenn man als Schirmherr Schirmträger nicht geradeaus schauen kann will. Hauptsache die Haare liegen, liebe Schirminhaber!

Die letzte Begegnung des Tages ist ein unglaublich dicker Mann. Er stützt sich kränklich auf zwei Krücken. Viel Bewegung ist nicht im Spiel. Im Bus dann noch eine Mama mit ihrem kleinen Mädchen, die unglaublich neugierig und frei in der Weltgeschichte umherguckt.

Ich lasse das Wettergrau draußen und mache es mir am PC gemütlich. Hier bin ich Mensch, hier darf ich sein. Hier bin ich Ich.

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