Unglaubliche Kriegsgeschichte einer Nachbarin

Ich bin 24 Jahre alt und kann es kaum glauben, was Menschen in ihrem Leben schon alles ertragen haben.

Ich saß eben hinterm Haus in der Sonne, da kommt eine Nachbarin aus einem anderen Aufgang zu mir auf die Bank und wir plaudern ein wenig. Plötzlich schießt ein Flugzeug im Himmel vorbei und lärmt wie ein Gewitter. Die Frau, stramm auf die 80 zugehend mit Namen Liselotte, zuckt zusammen und ich frage, ob alles ok ist. Dann fängt sie an zu erzählen:

Damals war ich 10 Jahre alt. Ich hatte zwei Schwestern, anderthalb und vier Jahre. Wir flohen mit unserer Mutter und deren Mutter, also unsere Oma, vor dem Krieg nach Danzig, was zu der Zeit Ostpreußen war. Dort angekommen kamen wir in ein Flüchtlingslager. Dort waren sehr viele Soldaten und ich wunderte mich immer, warum meine Mutter nur im Keller war und wir keinen Zutritt zu dem Raum hatten, in dem sie sich aufhielt. Ich habe oft nach ihr gefragt, weil sie sich nicht um uns gekümmert hat. Heute weiß ich, dass sie es da unten mit den Soldaten getrieben hat. Ich denke, dass sie sich dafür Geld geben lassen hat. Trotzdem hatten wir nie etwas vernünftiges zu essen oder warme Kleider zum anziehen. Und glauben Sie mir, es war verdammt kalt in Danzig im Januar im Zweiten Weltkrieg.

Ich erinnere mich gut, dass wir immer in den Keller mussten, um auf die Toilette zu gehen. Unsere Oma bat mich, da sie nicht mehr die jüngste war, mit ihr nach unten zu gehen. Ich hielt ihren Arm und wir stiegen die Treppen hinab. Dann schaute sie mich mit großen Augen an und sagte, ich solle auf mich aufpassen. Da hatte ich meine tote Oma mit 10 Jahren in den Armen liegen. Ich habe das nicht verstanden, als die Soldaten nach unten kamen und sie in die Ecke zu den anderen Toten, vor allem Soldaten, im Obergeschoss legten. Ich dachte immer: Oma ist doch bestimmt kalt. Warum macht denn keiner was? Also gab ich ihr meine Handschuhe, meinen Schal und meine Mütze. Dabei habe ich sehr gefroren. Ich schaute oft in die Ecke zu meiner Oma. Tagsüber kamen die Soldaten und schleppten die toten Männer nach druaßen in ein Massengrab. Ich rief ihnen hinterher, dass sie doch die Oma mitnehmen sollen. Aber dazu hatten sie keine Erlaubnis. Dann irgendwann, ich kann den Zeitraum nicht bennenen, ich weiß nur, dass es unglaublich lange war, nahmen sie die Oma mit.

Wir waren nun schon ein halbes Jahr in diesem Auffanglager, als meine Mutter plötzlich zu uns drei Kindern kam und sagte, dass sie schnell Karten für die Gustloff holen würde, damit wir aus dem Lager weg können. Sie sei gleich wieder da, waren ihre letzten Worte. Ein Soldat beobachtete das Ganze und kam zu mir und meinen beiden Schwestern rüber: ‘Deine Mutter? Das kannst du vergessen. Die ist tot. Die kommt nicht wieder.’ Ich war erstarrt und wusste nicht, was ich davon halten würde. Unsere Mutter kommt nicht zurück? Ich konnte es nicht glauben. Fakt ist aber, dass sie tatsächlich nie wieder kam. Ich weiß bis heute nicht, was damals passiert ist.

Nachdem unsere Mutter uns allein gelassen hatte in dem Flüchtlingslager, kamen wir drei Kinder in ein Heim. Dort gab es eine Bühne, auf die alle Kinder immer wollten, weil man dort den Familien präsentiert wurde, die Kinder adoptieren wollten. Uns war gleich klar, dass wir von diesem Zeitpunkt an getrennt sein würden. Die Armut war auch für ein Kind einfach zu greifbar real. Ziemlich schnell wurden auch wir auf die Bühne gestellt. Eine Familie sagte zu einem Betreuer: ‘Die nehmen wir. Die ist schon 10 Jahre alt und kann arbeiten.’ Meine mittlere Schwester wollte niemand haben, da sie in dem anstrengenden Alter von vier Jahren war. Ich weiß nicht, ob der Versuch ihr einen neuen Namen zu geben und sie äußerlich anders zu gestalten etwas gebracht hat, sie letztendlich doch noch zu vermitteln. Meine jüngste Schwester wurde von einer Familie adoptiert, die gerade ein Kind verloren hatte. Als Ersatz sozusagen.

Mir ist es in meiner Pfegefamilie schlecht ergangen. Ich musste von morgens bis abends hart arbeiten. Der ganze Haushalt wurde von mir geführt. Ich bin mit 18 von zu Hause ausgezogen, da ich meinen Mann kennenlernte und wir heirateten. Wir bekamen zwei Kinder, zwei Jungs, und führten ein sehr glückliches Leben. Vor 23 Jahren ist er dann an körperlichem Versagen gestorben. Ich habe sehr gekämpft um ihn. Aber der Tod war stärker.

Meiner kleinen Schwester erging es besser in der Kindheit: sie wurde von ihren reichen Eltern sehr geliebt. Heute hat sie viel geerbt und kann drei Häuser ihr Eigen nennen. Allerdings hat sie einen grausamen Mann, der ihr ALLES verbietet. Ich kann nicht einmal mit ihr telefonieren. Daher haben wir sehr wenig Kontakt.

Was aus meiner mittleren Schwester geworden ist, das weiß ich ebenso wenig, wie was aus unserer Mutter geworden ist. Da sie einen anderen Namen bekam, habe ich keinen Ansatzpunkt, nach wem ich suchen könnte. Was aus meiner Mutter geworden ist, will ich nicht wissen. Sie hat drei kleine Kinder zurück gelassen und es interessiert mich nicht, wie es ihr geht. Sie hat sich auch nicht für uns interessiert.

Heute habe ich einen Freund, mit dem ich mich
ab und zu treffe. Aber ich bin lieber allein, wenn ich ehrlich bin. So ist das Leben eben. Und nun bin ich schon bald 80 Jahre alt.

Mir ging diese Geschichte sehr nahe. Diese Frau hat seit fast 70 Jahren weder ihre Mutter noch ihre mittlere Schwester gesehen. Sie hat ein paar Anläufe genommen, um vor allem ihre Schwester zu finden. Doch durch den anderen Namen, den sie damals bekam, sieht sie keine Chance dieses Puzzle ihrer Familie zusammen zu fügen.

Dieses Schicksal entstand nur durch Krieg. Eine Seele wurde dadurch schwer beschädigt. Menschen, die sich mal sehr nahe waren, wurden auseinander gerissen und manch einer handelte, wie er es vielleicht nie hätte tun müssen. KRIEG ist nur Dunkel. Im Krieg befindet sich kein LICHT.

Ich würde dieser Frau so gerne helfen, da mich ihr Schicksal wirklich berührt. Vielleicht deshalb, weil es für mich so schwer vorstellbar ist, so etwas erlebt zu haben.

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flickr Photo by trickyvickylynn

4 Comments

  • Friday, July 25, 2008 - 6:22 PM | Permalink

    Meine Gänsehaut beim Lesen meines eigenen Posts ist unglaublich.

  • Friday, July 25, 2008 - 6:50 PM | Permalink

    Der liebe Carlo hat mich auf die Seite des Deutschen Roten Kreuzes hingewiesen. Ein allerliebster Dank dafür.

    Ungeklärte Schicksale

    In Folge des Zweiten Weltkriegs wurden 30 Millionen Deutsche voneinander getrennt. Es gab kaum eine Familie, die nicht nach Vater, Bruder, Sohn oder anderen Angehörigen suchte. Bis Mai 1955 wurden 17 Millionen Suchanfragen an den DRK-Suchdienst gestellt.

    Noch immer werden jeden Tag drei bis vier Angehörige nach kriegsbedingter Trennung wieder zusammengeführt. Trotzdem sind weiterhin 1,3 Millionen Verschollenenschicksale ungeklärt.

    Die Familienzusammenführung gehört neben der Suche nach Kriegsopfern zur zentralen Aufgabe des Dienstes. Die Mitarbeiter des DRK konnten
    die Herkunft von über 32.000 “Findelkindern” feststellen, die im Zweiten Weltkrieg von Fremden großgezogen wurden, wie die Präsidentin des Bayerischen Roten Kreuzes, Prinzessin Christa von Thurn und Taxis, mitteilte.

  • Saturday, July 26, 2008 - 12:53 PM | Permalink

    Ja, da sind krasse Wunden entstanden durch die Kriege; durch jeden Krieg entstehen Wunden. (Man könnte es auch anders sehen, dass durch die Kriege die Wunden hervorkommen und sichtbar werden.)

    Du hast der Frau schon geholfen, indem Du zugehört hast. Einfach da sein und zuhören ist oft das allerbeste, was wir tun können.

    Danke,

    Tino.

    PS: Auch im Krieg findet sich Licht! Ich erinnere mich an die Geschichte eines Mannes hier aus der Gegend, der als deutscher Soldat irgendwo allein von einem Russen überrascht wurde. Er saß da an einem Baum, sein Gewehr ausser Reichweite, plötzlich steht ein russischer Mann mit Gewehr in der Hand vor ihm. Sie stutzen beide. Der Deutsche schaut zu seinem Gewehr – keine Chance. Er hebt die Hand und grüßt den Fremden. Dieser lächelt, grüßt zurück und verschwindet wieder.

  • Saturday, July 26, 2008 - 1:07 PM | Permalink

    @Tino Schwarze – Die Geschichte der Begegnung des Russen und des Deutschen im Krieg ist sehr schön. Der Krieg hat ja auch nicht aus allen Menschen etwas Böses gemacht. Licht ist eben überall. :-)

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