Die Geschichte von Troels

In Kopenhagen lernte ich in meinem Lieblingsclub einmal einen jungen Mann kennen. Groß gewachsen, wuschelige Surferfrisur und ansonsten auch ziemlich dänisch. Sein Name war Troels und er trank gerne ausreichend Bier, so dass er zur Halbzeit des Clubbesuches seinen Körper kaum noch aufrecht halten konnte.

Wir hatten einen gemeinsamen Freund. Jakob, der Barmann, ein sehr zurückhaltender Typ. Jedes Wochenende trafen wir drei uns an der Bar und lernten uns immer besser kennen. Dabei erfuhr ich mehr über das Leben von Troels. Er studiert in Kopenhagen und muss sich sein Leben weitestgehend alleine finanzieren. In einer der teuersten Städte der Welt keine leichte Aufgabe! Je später der Abend, je leerer die Gläser und je müder das Tanzbein, desto weniger schien es Troels gut zu gehen. Teilweise zusammengekrümmt, stützte er sich auf den Tresen. Dabei schien ein Barhocker sein Gewicht bei einer Körpergröße von fast 2 Metern nicht wirklich abzufangen. Immer wieder presste Troels mit schmerzverzogenem Gesicht die Hände auf den Bauch. Auf unser Nachfragen reagierte er mit gespielter Partylaune. Der Anblick tat allen Beteiligten weh und ich entschied mich selbst zu vergewissern, was mit seinem Bauch los sei.

Als es mir gelang sein T-Shirt ein paar Zentimeter hoch zu schieben, prangten zwei ca. 3 cm große Löcher auf der linken und der rechten Seite seines Bauches, etwa in Höhe des Bauchnabels. Die Pflaster klafften nach unten und ich konnte die Wunde eindeutig sehen. ‘Jeg er i orden’ quälte er aus seinem Mund. Doch es war nichts in Ordnung. Entlarvt erzählte uns Troels, dass er ein paar mal im Monat in einer Klinik Geld für das bekommt, was man ihm dort unter Vollnarkose antut. Was man dort genau mit ihm mache, wusste er nicht einmal. Mein Schockzustand war außerordentlich und mir läuft heute noch immer ein Schauer über den Rücken, dass Menschen soetwas für Geld mit sich machen lassen.

Ich habe noch einmal Kontakt mit Troels aufnehmen können. Er geht weiterhin in die Klinik, in der er ein Versuchskaninchen ist. Mit dem Geld finanziert er immernoch sein Leben. Die Narben wird er ewig tragen.

Creative Commons License photo credit: schizoform

4 Comments

  • Friday, November 28, 2008 - 7:23 PM | Permalink

    Wie traurig das ist , Frau Lehmann…

    zum weinen…

    W.

  • Friday, November 28, 2008 - 9:46 PM | Permalink

    Er wusste noch nicht mal, worauf er sich da einlässt? Wow.. So oder so schon krass, aber hier wird man wenigstens noch über das aufgeklärt, was mit einem gemacht wird..

  • Friday, November 28, 2008 - 11:24 PM | Permalink

    traurig, das ein Mensch sich verkauft, um zu überleben….ob jetzt Klinik oder Strasse, .. gab es denn keine anderen Möglichkeiten für ihn?

  • Saturday, November 29, 2008 - 1:56 AM | Permalink

    @Stella – Das ist es. Und dabei mag ich Troels sehr. Ich hoffe, ich sehe ihn bald mal wieder.

    @Vizekönigin – Ich denke, er hat die Fragen in seinem Kopf verdrängt. Die Antworten wären sicherlich zu brutal.

    @ruediger – Jeder geht seinen eigenen Weg und das akzeptiere ich auch. Doch wenn ich jemanden mag, dann liegt es mir auch nahe zu helfen. Vielleicht findet sich in Zukunft ein Weg, denn Wege gibt es immer! Ob nun einen AusWEG für ihn oder einen HilfeWEG für mich. ;-)

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