Nur noch einmal

In einem Haus am Rande einer Stadt lebte ein Mann. Er arbeitete jahrelang in einer kleinen Autofarbik nicht unweit seiner Wohnung. Eines Tages erblindete er sehr plötzlich durch eine Erkrankung. Er verlor sein komplettes Augenlicht. Über die Zeit kam er aber sehr gut zurecht und konnte sich seinen Alltag arrangieren.

Als das Weihnachtsfest vor der Tür stand, erledigte der Mann seine Einkäufe. Er hatte sich frischen Rotkohl gegönnt, dazu eine Gänsekeule und einen schönen Barolo. Bepackt mit den Tüten und einem Rucksack stieg er die Treppen im Hausflur hinauf, als ihm plötzlich eine bekannte Stimme begegnete. “Frohe Weihnachten, lieber Nachbar”, hauchte eine gleichaltrige Stimme ihm entgegen. “Das wünsche ich Ihnen auch, Frau Nachbarin”, gab der Mann freudig zurück. “Wie verbringen Sie denn die Feiertage”, wollte er neugierig wissen. “Ach, wissen Sie, seit meinem Arbeitsunfall bekomme ich nur selten Besuch und meine Kinder haben mittlerweile ihre eigene Familie.” “Das tut mir leid”, gab der Mann traurig kund. “Ich komme zurecht, sehr gut sogar”, erwiderte die Frau entschlossen. “Ich habe Jahre lang in einer Fabrik für Pyrotechnik gearbeitet, bis ich eines Tages einen Arbeitsunfall hatte und mir mein linker Arm und meine rechte Hand amputiert werden mussten. Seitdem weiß ich, was Leben bedeutet, denn ich bin nur knapp dem Tod entgangen. Und wenn man solch ein Schicksal hat, dann sehnt man sich im Grunde nur nach einem.” “Ich weiß genau, was sie meinen”, zögerte der Mann keine Sekunde. “Ich verlor mein Augenlicht vor Jahren und sehne mich seitdem nur noch einmal danach den Sonnenaufgang zu sehen.” Die Frau nickte zustimmend. “Und ich möchte nur noch einmal berühren – den warmen Strandsand am Meer, den klebrigen Honig und vielleicht noch das Fell eines Hundes.”

Beide Nachbarn unterhielten sich noch lange auf der Treppe im Hausflur. Ihr gemeinsamer Wunsch nur noch einmal etwas tun zu können, was sie bis zu einem bestimmten Tag ganz selbstverständlich taten, war so groß, dass sie gemeinsam nach einer Lösung suchten. “Ich kenne einen Professor in Amerika. Er kann uns vielleicht helfen”, sprach der Mann euphorisch aus. “Dann lassen Sie uns das tun.” Ohne zu zögern waren beide fest entschlossen, ihren Plan sofort umzusetzen und taten dies auch.

Nach einigen Wochen kamen sie zurück aus dem Land der unbegrenzten Möglichkeiten. Der Mann war nun in der Lage zu sehen und die Frau konnte ihre beiden neuen Hände schon gut bewegen. Als bald machten sich die Beiden auf den Weg zum Meer. Die Frau rannte freudig mit bloßen Füßen durch den feinen Sand und kniete dankend zu Boden. “Ich hätte dieses Gefühl vom feinen Sand, der durch meine Finger rieselt, nie vergessen. Aber jetzt ist es noch schöner und intensiver”, freute sich die Frau. Der Mann setze sich neben sie und wartete gespannt auf die ersten Sonnenstrahlen, die langsam hinter dem Horizont hervor kamen. “So wunder, wunderschön”, flüsterte er leise, während ihm eine Träne über die Wange kullerte.

Beide konnten das Gefühl, was sie noch einmal erleben wollten, sehr lange genießen. Sie waren froh über ihre Entscheidung, noch einmal alles für ihren Traum getan zu haben. Manchmal lohnt es sich eben, nicht gleich aufzugeben!

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