Seelenkratzer

In einer Vitrine in einem großen Möbelhaus stand ein Stuhl. Er war strahlend weiß und schöner als all die anderen Stühle in seiner Reihe. Sein Stuhlmacher war mächtig stolz auf seinen weißen Stuhl, denn er hatte viel Schweiß und Arbeit in sein Werk gesteckt. Die Leute, die an dem Stuhl vorbei gingen, staunten nicht schlecht. Und einige Leute hörte man sogar laut staunen. So verstrichen die Jahre und der Stuhl stand Tag ein Tag aus an seinem Platz und die Leute staunten und staunten. Eines Tages wurde das Schaufenster umdekoriert und der Stuhl musste einer neuen Dekoration weichen. Dabei bekam der Stuhl einen Kratzer ab, was ihm nicht nur weh tat, sondern was ihn auch anders aussehen ließ. Als er bald darauf wieder das Schaufenster schmückte, erkannten ihn die Leute auf einmal nicht mehr. Sie gingen wortlos und ohne ihn eines Blickes zu würdigen an dem Stuhl vorbei. Das bemerkten auch die Kaufhausinhaber und beschlossen den Stuhl auf den Dachboden zu bringen. Der Stuhl weinte bitterlich, denn er mochte nichts lieber, als in seinem Schaufenster zu stehen. Doch sein Bitten und Betteln nützte nichts und so stand er schon bald in der vollkommenen Dunkelheit und fühlte sich allein. Plötzlich hörte er ein Geräusch neben sich. Es wurde lauter und lauter und auf einmal waren da ganz viele Stühle, die alle sehr schön aussahen, aber mindestens einen Fehler hatten. Dem einen Stuhl fehlte beispielsweise ein Stück Bein, einem anderen war der Lack an der Lehne abgeplatzt. Der Stuhl merkte, dass er nicht alleine war und fühlte sich plötzlich gar nicht mehr so allein. Die anderen Stühle nahmen ihn liebevoll in ihren Kreis auf und zeigten ihm, dass er auch mit einem Makel ein toller Stuhl war. Und es dauerte nicht lange und der Stuhl hatte eine neue Familie und ein tolles Leben gefunden, das er bis ans Ende seiner Tage glücklich und zufrieden lebte.

(Mein Dachboden ist nah!)

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