Tag Archives: Erde

TakeAway

Lied vom Kindsein

Als das Kind Kind war,
ging es mit hängenden Armen,
wollte der Bach sei ein Fluß,
der Fluß sei ein Strom,
und diese Pfütze das Meer.

Als das Kind Kind war,
wußte es nicht, daß es Kind war,
alles war ihm beseelt,
und alle Seelen waren eins.

Als das Kind Kind war,
hatte es von nichts eine Meinung,
hatte keine Gewohnheit,
saß oft im Schneidersitz,
lief aus dem Stand,
hatte einen Wirbel im Haar
und machte kein Gesicht beim fotografieren.

Als das Kind Kind war,
war es die Zeit der folgenden Fragen:
Warum bin ich ich und warum nicht du?
Warum bin ich hier und warum nicht dort?
Wann begann die Zeit und wo endet der Raum?
Ist das Leben unter der Sonne nicht bloß ein Traum?
Ist was ich sehe und höre und rieche
nicht bloß der Schein einer Welt vor der Welt?
Gibt es tatsächlich das Böse und Leute,
die wirklich die Bösen sind?
Wie kann es sein, daß ich, der ich bin,
bevor ich wurde, nicht war,
und daß einmal ich, der ich bin,
nicht mehr der ich bin, sein werde?

Als das Kind Kind war,
würgte es am Spinat, an den Erbsen, am Milchreis,
und am gedünsteten Blumenkohl.
und ißt jetzt das alles und nicht nur zur Not.

Als das Kind Kind war,
erwachte es einmal in einem fremden Bett
und jetzt immer wieder,
erschienen ihm viele Menschen schön
und jetzt nur noch im Glücksfall,
stellte es sich klar ein Paradies vor
und kann es jetzt höchstens ahnen,
konnte es sich Nichts nicht denken
und schaudert heute davor.

Als das Kind Kind war,
spielte es mit Begeisterung
und jetzt, so ganz bei der Sache wie damals, nur noch,
wenn diese Sache seine Arbeit ist.

Als das Kind Kind war,
genügten ihm als Nahrung Apfel, Brot,
und so ist es immer noch.

Peter Handke / Bruno Ganz

Gedankensolo

Grau in Grau

Rike blickte ernüchtert in ihren Kleiderschrank. “Die hellgraue oder die dunkelgraue Strickjacke”, fragte sie sich mit unverändertem Gesichtsausdruck. Beim Blick aus dem Fenster verzogen sich ihre Mundwinkel tief nach unten. Der Tag heute schien für sie nichts übrig zu haben, was sie nicht schon kannte.

Verdrossen schmiss sie sich ihre graue Regenjacke über und stopfte ihre Füße krampfhaft in die viel zu kleinen, grauen Gummistiefel. “Auf geht’s!”. Der Sarkasmus in ihrem Ton war nicht zu überhören, aber sie wollte ihm eine gewisse Leichtigkeit unterjubeln.

Eine viertel Stunde später stand Rike vor dem kleinen Lädchen an der Ecke. Ihr fiel zum hundertsten Mal das ausgeblichene Firmenschild auf, was einmal eine freundliche Farbe gehabt haben muss, bevor es sich in Mausgrau verwandelte. Als sie den Laden betrat, bot sich ihr das triste Bild, welches den Laden nur zu einem von vielen machte: die Leute packten gelangweilt Gegenstände in ihre Körbe, bevor sie sie zum Bezahlen auf das Laufband schickten. Eine Kundin erweckte plötzlich Aufsehen mit ihrer Nachfrage: “Haben Sie diese Woche keine grauen Bananen bekommen? Die da hinten sind so dunkel, dass sie schon fast nicht mehr grau sind. Wann bekommen sie denn wieder frische Ware?” Rike erledigte wie gewohnt ihre Besorgungen und verließ den Laden in dem Tempo, in dem auch der Rest der Welt alle Dinge verrichtete. Doch etwas brachte sie völlig aus dem Konzept. Auf dem grauen Parkplatz vor dem Laden stockte nicht nur ihr der Atem, sondern alle Leute blickten neugierig gen Himmel. Zwischen den vielen grauen Wolken verschaffte sich ein leuchtender Regenbogen Platz. Seine Farben reichten von fast Weiß über Purpurrot bis hin zu tiefem Ozeanblau. Rike fiel die graue Kinnlade herunter. Ihre Einkaufstüten taten es ihr gleich. Fast wie in Trance sank sie langsam zu Boden, bis ihre Knie die kalten Pflastersteine erreichten. Eine Träne bannte sich ihren Weg über Rike’s Wange und versiegte auf ihrem Arm. “So wunder, wunder schön”, kam es zaghaft über ihre Lippen, als wenn sie den Regenbogen nicht verscheuchen wollten.

Rike kniete noch bis zum Sonnenuntergang an jener Stelle, die für sie den Farbklecks ihres Lebens bedeutet, bis der Regenbogen endgültig in der grauen Nacht versank.

Alltagswahn

Der Aufstieg im Abgrund

Wie oft standest du schon am Abgrund? Und bist doch nicht gesprungen! Aber immer wieder zieht es dich zu der Stelle, die alles beenden könnte. Mutig gehst du den Weg bis auf den letzten entscheidenden Meter. Du stoppst. Wie feige wäre es, sich jetzt umzudrehen und allen anfeuernden oder flehenden Rufen ins Gesicht zu schauen?! Also nimmst du all deinen Mut zusammen, bist fest entschlossen zu springen. Aber irgendetwas hindert dich daran. Du tust es erneut nicht. Enttäuscht von dir selbst, machst du dich auf den Heimweg. Mit gesenktem Haupt schlenderst du lustlos zu deiner Wohnungstür, wo dich Herr Vorwurf und Frau Antriebslos schon freudig erwarten. Morgen. Morgen wirst du ganz sicher springen. Oder vielleicht auch übermorgen. Aber dann ganz sicher. (Und in der Zwischenzeit kannst du deine Entscheidung einfach mal genießen.)

Alltagswahn

Der Einfachheit halber

Glückliche Herzen. Lachende Gemüter. Duftendes Leben. Schlichtes Sein.

Gedankensolo

Wir Pfirsiche

Am Anfang waren das Bienchen und das Blümchen. Aus deren Begegnung keimte eine Zelle auf und es entsprang ein Pfirsichbäumchen. Er entwuchs aus dem Boden der Welt und gedeihte kräftig. Eines Tages trug das Pfirsichbäumchen Früchte und eines davon warst du. Der Kern einst so winzig, begann nach und nach an Fülle zu entwickeln. Immer fester wurde die Hülle und als bald war sie so reif, dass sie in der Blüte des Lebens stand. Schaurige Gewitter und purer Sonnenschein zogen am kleinen Pfirsich vorüber. Bis eines Tages der Stil zur Welt des Pfirsichbäumchens brach. Der Pfirsich fiel zu Boden und seine Haut begann zu verwelken. Kleine Löcher fraßen sich in die schöne Hülle des Lebens und hinterließen sichtbare Spuren. Und irgendwann war er weg, der Pfirsich. Nur noch das Bäumchen stand beharrlich im Wind und trotzte dem Wetter. Bis irgendwann ein Bienchen den Pfirsichbaum besuchte…

Alltagswahn Gedankensolo

Auf der Suche

In den unendlichen Weiten deines Ichs wirst du immer wieder Raum finden, den du nicht zu füllen weißt. Die Leere dort drinnen wird dir komisch vorkommen, aber mit der Zeit wirst du sie akzeptieren. Deine Fragen werden Antworten mit sich bringen und du wirst dich vollkommener fühlen.

Unendlich viel Schwarz kannst du nicht durch einen Tropfen Weiß auffüllen. Du wirst es versuchen. Immer und immer wieder. Und vielleicht gelingt es dir ja das Dunkel ein wenig zu erhellen. Nur ein kleines bisschen. Ganz wenig.

Man ist immer allein, wenn es um einen selbst geht. Wo einst Menschen um dich waren, stehen verstumme Körper um dich. Sie werden dir nicht zuhören. Du musst dir selbst zuhören. Auf der Suche nach Ohren und Augen wirst du bei dir selbst ankommen. Auf den Rest kannst du dann gut und gerne verzichten.

Gedankensolo

Der kleine Wombat

“Schönes Wetter”, dachte sich der kleine Wombat, als er aus seiner Erdhöhle kroch. Eigentlich ist der kleine Wombat ja eher eine Nachteule, aber da er nicht fliegen kann, entschied er sich doch lieber am Tag durch die Welt zu spazieren. Er hat übrigens immer einen Regenschirm dabei.

“Heute ist ein guter Tag zum Markieren”, stellte der kleine Wombat zufrieden fest. Genüsslich schwang er seinen Popo auf einen Stein und entledige sich eines großen Geschäftes. “Dipotrodontia”, kam es wie ein Geistesblitz aus dem ernsten Mund des kleinen Wombats. Seine Gattung ließ ihm keine Ruhe.

Und so dümpelte der kleine Wombat noch lange vor sich her. Ein bisschen markieren hier und dort und ein paar Gedanken auf der einen und der anderen Seite des Flusses. So lebte es sich gut als kleiner Wombat.

Alltagswahn Gedankensolo

Angeklagt

Mit gesunkenem Kopf stehst du vor der Masse. Ihre Blicke durchbohren dich. Du spürst jedes einzelne Auge auf deinem Körper. Wie Stecknadeln sezieren sie deine Haut. Alles nur ein böser Traum? Manchmal erwachst du und stellst zufrieden die Realität fest. Aber schon kurz darauf verfällst du wieder in deinen Dauerschlaf. Rütteln und Schütteln hilft nicht, denn mit deinen tausend Gedanken bist du festgesaugt. Vorbei an der Wirklichkeit. Hinein ins Nichts. Und dann beschwerst du dich über deine Situation? Sperrst dich selbst vom Leben aus? Schluckst den Schlüssel deines Käfigs freiwillig hinunter wie eine Leibspeise? There is nothing to complain about! Think about it! Jedenfalls ist deine Selbstanklage im Vergleich zum Weltgerichtshof verschwindend gering. Think about it!

TakeAway

Das Ende vom Kreis

Gib nicht auf
Du bist gleich da
Und dann vergisst du das was vorher war
Du bist gleich da
Du bist gleich da
Am Ort wo vor dir keiner war

Halte durch
Du bist ganz nah
Und dann vergisst du das was vorher war

Und nichts hält dich auf
Nichts bringt dich zum Steh’n
Denn du bist hier, um bis ans Ende zu geh’n
Kein Weg ist zu lang
Kein Weg ist zu weit

Denn du glaubst an jeden Schritt
Weil du weißt
Irgendwann schließt sich der Kreis
Irgendwann schließt sich der Kreis

Halte durch
Bleib jetzt nicht steh’n
Das Ziel ist dort im Nebel schon zu seh’n
Kannst du es seh’n?
Kannst du es seh’n?

Das Ende ist kaum noch zu verfehl’n
Denn nichts hält uns auf
Nichts bringt uns zum steh’n
Denn wir sind hier, um bis ans Ende zu geh’n
Kein Weg ist zu lang
Kein Weg ist zu weit
Denn ich glaub an jeden Schritt
Weil ich weiß
Irgendwann schließt sich der Kreis
Irgendwann schließt sich der Kreis

Gibt nicht auf
Du bist gleich da
Am Ort wo vor dir keiner war

by Silbermond
Alltagswahn Gedankensolo

Flugbegleiter

“Siehst du den Berg dort hinten?”

“Ja. Warum?”

“Weil ich mich die ganze Zeit frage, was wohl dahinter ist.”

“Und warum willst du das wissen?”

“Wenn ich das wüsste!”

Du gehst eine Straße entlang und weißt nur was sich gerade jetzt unter deinen Schuhen befindet – Asphalt, Sand oder einfach nur Boden. Schon beim nächsten Schritt könntest du hinfallen, mitten in einem Geldregen stehen oder einer Person begegnen. Du denkst, du weißt, wohin dein nächster Schritt führt? Ist es wichtig für dich, das zu wissen? Wir sitzen im Flugzeug ohne Reiseziel und das ist auch gut so. Auch wenn die Landung nicht immer sanft ist.