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Ein Schritt

Es war schon dunkel, als Saskia den Bahnsteig der S-Bahn erreichte. Im Schatten des Halbmondes erkannte sie den Mann mit dem schönen Hut und ein Lächeln glitt ihr über die Lippen. Verlegen schaute sie zu ihm rüber. Die Röte stieg ihr heimlich ins Gesicht. Er hatte seine Nase tief in sein Buch gesteckt. Den Titel erkannte man aus der Ferne nicht. Saskia strengte sich an, um mehr über den geheimnisvollen Hutträger zu erfahren. Ihre Blicken trafen sich. Verlegenheit machte sich breit. Ein kurzes Zögern Richtung Boden und ihre Blicke trafen sich erneut. Verschämt wendete sich Saskia von dem Unbekannten ab. “Entschuldigung, kennen wir uns”, fragte plötzlich eine klare Stimme hinter ihrem Rücken. “Ich? Wir? Also…”, Saskia war wie versteinert, als sie bemerkte, dass der Unbekannte mit seinem Hut wie aus dem Nichts bei ihr stand. “Ja, wir”, fragte er mit freundlichem Ton. “Ich weiß nicht.” Mehr bekam sie in jenem Moment nicht über die Lippen.

Das laute Quietschen der Bremsen der Bahn riss beide aus dem Gespräch. Sie stiegen gemeinsam ein. Ein Platz neben der Tür schien wie für beide gemacht. Sie setzten sich. In Schallgeschwindigkeit ging die Fahrt vorüber und so stiegen sie einen kurzen Augenblick später aus. An der Haltestelle sahen sich beide in ihre blauen Augen. In beiden Köpfen war das Bild eines Paares, was sich auf einer Blumenwiese im Sommer entgegen läuft. Schmetterlinge umgaben sie und der Geruch von Gras und Blüten erhellte die Umgebung. Zeitlupenartig machte er einen Schritt auf Saskia zu. Ein Stein war regungsvoller als sie. Er bremste ganz nah vor ihrem Gesicht und hob behutsam seine Hände, als wolle er sie schützend auf sie legen. Saskia spürte seinen warmen Atem und die Dinge um sie herum schienen wie im Nichts zu verschwinden. Ihre Versen hoben sich langsam vom nasskalten Betonboden. Sie reckte sich nach dem Hauch aus seinen Lippen. Beide schienen in ihrer Welt angekommen zu sein. Mit einem innigen Kuss besiegelten sie ihre Begegnung. Ihre Hände fest ineinander gepresst, genossen sie die Zeit. Dieser Abend war der Beginn einer tiefen Verbundenheit.

Das Abenteuer

Hans ist eigentlich ein ganz gewöhnlicher Typ. Er sieht zwar ein bisschen besser aus als der deutsche Durchschnitt. Aber sein Leben ist dafür relativ unspektakulär. Morgens steht er um die gleiche Zeit auf und kocht sich als erstes eine Kanne Kaffee. Damit geht er dann an seinen Schreibtisch, wo er Berichte für den Sportteil einer Tageszeitung schreibt. Eigentlich würde er viel lieber Kurzgeschichten schreiben und sie einem ausgewählten Publikum vorlesen. Aber weder die Geschichten noch das Publikum hat er, um seinen Traum in die Realität umzusetzen.

Eines Tages, Hans war gerade auf dem Weg in den Supermarkt, traf er am Gemüsestand eine unglaublich gut aussehende Frau. Beide waren gerade dabei die Avocados nach ihrem Reifegrad abzutasten. “Die ist gut”, sagte das bezaubernde, weibliche Wesen und ging mit der Avocado und ihrem Korb weiter. Völlig verzaubert versuchte Hans der Unbekannten heimlich zu folgen. Als sie im Begriff war zu zahlen, nahm er all seinen Charme und Mut zusammen und sprach die Frau an: “Sie haben da aber zufällig die Avocado genommen, die ich auch haben wollte.” Die Frau schaute ein wenig erschrocken, fasste sich aber als bald und erwiderte: “Dann kommen Sie doch einfach mit und wir essen unsere Avocado zusammen.” Hans war fassungslos. Aber irgend etwas in ihm wollte dieser Aufforderung nachgehen. Also gingen sie gemeinsam in ein unbekanntes Abenteuer. Was aus der Avocado wurde, weiß man nicht.

Sofaruhe

Auf dem Weg nach Hause bin ich glücklich den kalten U-Bahn Schacht zu erreichen. Die Tasche ist schwer und meine Schultern müde. Ich setze mich neben eine Frau im mittleren Lebensalter. Sie wirkt nervös. Ich versuche sie anzulächeln. Sie zuckt verschreckt und schaut in Windeseile weg. Sofort kramt sie ein Medikament aus ihrer Tasche. Opipramol. Ein trizyklisches Antidepressiva. Ihre Selbstgespräche werden lauter und sie schluckt hastig ein paar Pillen. Als die Bahn kommt, setze ich mich neben 2Punks. Er wirkt gelassen, sie, die gerade um die Volljährigkeit sein muss, erzählt ihm von ihrer Schwangerschaft. Muss ganz frisch sein, denn man sieht noch nix. Ein paar Jugendliche auf dem Vierer gegenüber schmeißen mit Schokoladenkeksen um sich. Mein weißes Shirt bekommt auch etwas ab. Ich werde laut, die Jungs leise. Ein paar Minuten später schmilzen die aufgehobenen Kekse in ihren Händen. Ein bisschen freue ich mich darüber. Zu Hause ist das Letzte was laut ist, das Knallen meiner Wohnungstür. Danach Ruhe. Völlige Ruhe. Auf dem Sofa sacke ich muskellos zusammen. Bis morgens bekommt mich dort niemand weg.

Eine Hand voll Gedanken

Black and white handsIch muss ständig an ihre Hände denken. Als Kind haben sie mich gestreichelt, wenn ich Aua hatte. Und niemand konnte den Kuchenteig besser kneten, als ihre Hände.

Im Laufe der Jahre haben sich ihre Händer verändert. Die Adern sieht man jetzt deutlicher als früher und kleine Fältchen haben sich tief eingeprägt. Trotzdem sind sie für mich immernoch wunderschön.

Ich habe ihre Hände sehr lange nicht mehr gesehen und ich würde so gerne sehen, wie sie aussehen und sich verändert haben. Ich denke ständig an sie…

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Ein Mann und seine Geliebte

255905365_81165007fa_mMit einer Rose in der Hand steht ein Mann, so um die Mitte 30, beim Bäcker. Er kauft ein frisches Krustenbrot. Es sieht aus, als hätte es eine dicke Bäuerin in einem alten Ofen über Birkenholz gebacken. Er packt den noch warmen Brotlaib in eine durchsichtige Tüte und verschwindet. Ein paar Meter weiter kehrt der Mann freudestrahlend in ein Gourmetgeschäft ein. Ein paar Euos leichter und um wenige Edelkäsesorten reicher, setzt er seinen Weg fort. Die Reise des verheirateten Mannes führt in den 3. Stock eines Mehrfamilienhause mitten in der Stadt. Die junge Frau, die er besuchen möchte, kann sich den Wohnluxus nur leisten, weil sie in einem bestimmten Gewerbe arbeitet. Der Mann erreicht ihre Wohnungstür, er klingelt, aber es macht niemand auf. Nach 5 Minuten vergeblichen Versuchens gibt er auf und geht mit gebügter Haltung seinen eben noch so sonnigen Weg im Regen zurück.

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Nachtgestalten

Keine 5 Meter aus dem Haus treffe ich auf 2 Polen. Sie warten auf das Doppel-Korn-Delerium, ich warte auf den Bus. Freundlich bieten Sie mir einen Schluck aus ihrer Flasche an. Mein Moped kommt und ich verabschiede mich mit meinen 3 Brocken Polnisch.

Ich kann dem süßen Geruch des Crêpe-Standes nicht widerstehen. Der freundlichen Verkäufer fragt mich gefühlte 20 mal, ob mir mein mega Nutella-Teigfladen schmeckt. Er wischt dabei gemütlich über seine Arbeitsfläche und füllt die Zuckerstreuer auf. Es ist eine Stunde vor Mitternacht und ich bewundere seine muntere Freundlichkeit. Ich kann es mir nicht verkneifen ihm zu sagen, was für eine postivie Ausstrahlung er hat. Ich glaube, er hat sich gefreut.

Gleich kommt mein Zug, aber ich ziehe noch schnell eine Zigarette durch. Der Aschenbecher wird gerade von einem sehr braun gebrannten Mann gesäubert. Er fragt mich, ob ich davon gehört habe, dass vor 2 Tagen ein 87 jähriger Mann 44.000 EUR in einer Straßenbahn in Bayern vergessen, also verloren, hat. Ich verneine, wünsche einen schönen Abend und steige in die Regionalbahn.

02032009

Neben mir sitzt ein junger Mann. Ihm läuft die Nase. Aber meine mit Nutella vollgeschmierte Serviette biete ich ihm lieber nicht an. Der Schaffner schaut seinen Fahrgästen bei der Fahrscheinkontrolle ganz offen und lieb in die Augen. Ich fühle mich wohl.

Jetzt sind es nur noch wenige Minuten und die verbringe ich mit neben einem älteren Mann im Nachtbus. Wir beobachten, wie sich ein junges Mädchen die Anti-Baby-Pille in den Mund schiebt. Wir grinsen uns an, sagen aber kein Wort. Als eine junge Türkin den Bus betritt, lauschen wir beide ihrer geheimnisvollen Sprache. Bei einigen Wörtern schmunzeln wir erneut zur gleichen Zeit.

Wie schnell doch die Zeit vergeht und wie kurz Augenblicke verweilen…

Weltmeister im Brot schief schneiden

Mühlenbrot - AnschnittMeine Aufgabe als Krankenschwester der vergangenen Tage hat mich auf eine Schwäche aufmerksam gemacht: ich habe in meinem ganzen Leben Brot immer schief geschnitten. Ich weiß nicht, wo beim Abschneiden einer Scheibe der allseits beliebten Backmischung die Kunst besteht? Ich beherrsche sie jedoch nicht! Zwar sind die Schlangenlinien beim langsamen Abschneiden weniger deutlich, aber sie sind trotzdem da. Liegt das daran, dass ich eine Frau bin und für räumliche Darstellungen kein notwendiges Vorstellungsvermögen besitze oder weil ich schlicht weg zu blöd dazu bin? Jedenfalls sind die Scheiben entweder so dünn, dass man das Fernsehprogramm durch die Brotscheibe hindurch sieht oder sie passen nicht in den Toaster, weil die Enden doppelt so dick sind wie der Toasterschlitz. Was mache ich nur falsch?

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