Die Steine des Lebens

Es ist doch so: Wir werden geboren und müssen uns bereits in der erste Phase des Lebens mit Problemen wie Akne oder Menstruation beschäftigen. Haben Stress mit den Eltern und im schlimmsten Fall mit dem Gesetz. Anschließend kümmern wir uns um Sachen wie Liebeskummer und Beziehungsstress. Dann bekommen wir Kinder, die uns nicht minder auf die Nerven gehen. Unsere Eltern werden krank und kaum haben wir gelebt, werden wir selbst alt und brauchen Hilfe. All das hält das Leben für uns bereit. Und all das schaffen wir. Weil wir das Leben leben.

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Die Kids von der Bounker Street

Sie waren kaum größer als der Eisstand, an dem sich ihre Nasen aneinander reihten. Jacky konnte gerade so das Geld auf den kleinen silbernen Teller legen, bevor sie ihre drei Kugeln Schoko bekam. Ben wollte den Eismann wie immer austricksten. Auf sein Zeichen hin begannen seine beiden Kompagnons sich in die südliche und nördliche Himmelsrichtung zu verteilen. Jacky lief blitzschnell die Straße hinunter, das Eis griffsicher in ihrer Hand. Robert versteckte sich derweil hinter dem ersten Rosenstrauch von Misses Jerke. Die ältere Dame betrat ihren Garten sowieso nur, wenn der Postbote sich traute etwas in ihren faulenden Briefkasten zu werfen. Während die beiden Kids sich also vor dem tobendem Eisverkäufer versteckten, genoss Ben sein Eis bereits auf einer Bank in der brütenden Sommerhitze. Abgehetzt vom Versteckspiel krauchten wenig später auch Jacky und Robert zu ihm. Das Eis kaum aufgegessen, schmiedeten die Drei bereits den nächsten Plan. Nun wollten sie hinunter zum Fluss und von der Brücke ins kühle Nass springen. Jacky lief in freudiger Erregung den beiden voran. “Nun kommt schon oder wollt ihr, dass die Sonne euch schmilzt”, grinste sie frech. Das ließen sich die Jungs nicht zweimal sagen und so lieferten sie sich ein Wettrennen bis zum Ufer. An der Flussbrücke rissen sich die Drei die Klamotten vom Leib und kletterten die Holzpfähle hinauf zu dem kleinen Vorsprung, den bereits die Eltern ihrer Großeltern zum Absprung ins Wasser benutzten. Die Jungs sprangen voran. “Komm Jacky, es ist herrlich hier unten”, riefen die beiden ihrer zierlichen Freundin zu. Jacky, die die Höhe nur mit Ehrfurcht ertrug, kniff ihre Augen so fest sie nur konnte zusammen und spannte ihre Füße an. Sie wollte genau so weit hinaus springen wie ihre beiden Freunde. Sie bemühte all ihre Kräfte und sprang so weit ab, wie sie nur konnte. Zuviel. Denn fortan zählte die Bounker Street ein Kind weniger.

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Lied vom Kindsein

Als das Kind Kind war,
ging es mit hängenden Armen,
wollte der Bach sei ein Fluß,
der Fluß sei ein Strom,
und diese Pfütze das Meer.

Als das Kind Kind war,
wußte es nicht, daß es Kind war,
alles war ihm beseelt,
und alle Seelen waren eins.

Als das Kind Kind war,
hatte es von nichts eine Meinung,
hatte keine Gewohnheit,
saß oft im Schneidersitz,
lief aus dem Stand,
hatte einen Wirbel im Haar
und machte kein Gesicht beim fotografieren.

Als das Kind Kind war,
war es die Zeit der folgenden Fragen:
Warum bin ich ich und warum nicht du?
Warum bin ich hier und warum nicht dort?
Wann begann die Zeit und wo endet der Raum?
Ist das Leben unter der Sonne nicht bloß ein Traum?
Ist was ich sehe und höre und rieche
nicht bloß der Schein einer Welt vor der Welt?
Gibt es tatsächlich das Böse und Leute,
die wirklich die Bösen sind?
Wie kann es sein, daß ich, der ich bin,
bevor ich wurde, nicht war,
und daß einmal ich, der ich bin,
nicht mehr der ich bin, sein werde?

Als das Kind Kind war,
würgte es am Spinat, an den Erbsen, am Milchreis,
und am gedünsteten Blumenkohl.
und ißt jetzt das alles und nicht nur zur Not.

Als das Kind Kind war,
erwachte es einmal in einem fremden Bett
und jetzt immer wieder,
erschienen ihm viele Menschen schön
und jetzt nur noch im Glücksfall,
stellte es sich klar ein Paradies vor
und kann es jetzt höchstens ahnen,
konnte es sich Nichts nicht denken
und schaudert heute davor.

Als das Kind Kind war,
spielte es mit Begeisterung
und jetzt, so ganz bei der Sache wie damals, nur noch,
wenn diese Sache seine Arbeit ist.

Als das Kind Kind war,
genügten ihm als Nahrung Apfel, Brot,
und so ist es immer noch.

Peter Handke / Bruno Ganz

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Die Geschichte von Mauern und Blockaden

Bestimmte Erfahrungen machen uns zu den Menschen, die wir letztendlich sind. Wer jetzt gleich an den ersten Nahkampf mit dem Geliebten der Ex-Ehefrau denkt, der sollte seinen Horizont auch in die andere, die freundlichere Richtung, lenken. Vielleicht hat uns das erste Schokoladeneis so sehr geprägt, dass wir an keiner Süßigkeit mehr vorbei gehen können? Für die Figur sicher nicht die wünschenswerteste Erfahrung, aber ebenso eine, wie all die anderen Dinge, die täglich auf uns einströmen. (Ich habe übrigens die gegensätzliche  Erfahrung mit Kürbissen gemacht: Ich finde Kürbisse klasse, solange sie meinen Magen nicht berühren.)

Die Tatsache, dass aus bestimmten Erfahrungen bestimmte Reaktionen resultieren, macht mich nachdenklich. Es geht im Speziellen um die Mauer, die jeder für sich selbst bauen und einreißen kann… (Blöder Spruch: Will-Nicht wohnt in der Kann-Nicht-Straße.)

Es war gar nicht so einfach die schweren Steine aufeinander zu stellen. Stück für Stück. Blut und Schweiß und was ist der Preis? Das Abrissunternehmen ist pleite und nun steht sie da, die Mauer. Manchmal schaut sie mich an. In den gewissen Momenten. Dann kommt sie mir noch höher vor, als ich sie eigentlich gebaut hatte. Und dann frage ich mich, ob unser kindliches Verhalten schon ganz früh gezeigt hat, dass wir dazu in der Lage sind eine solche Mauer zu bauen. Nehmen wir das Kind als Beispiel, was seinen Willen nicht bekommt und dann stundenlang, wahlweise auch tagelang, die beleidigte Leberwurst gegenüber den Eltern spielt. Vielleicht bauen wir als Kinder schon Probemauern, die sich in dem Alter aber noch einreißen lassen. Ähnlich wie eine Burg aus feinem Sandstrand.

Statt Bagger und Sprengstoff greife ich heute lieber zu Achtsamkeit und Beobachtung. Noch ist die Mauer da.

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Träumelie

Ich möchte gerne morgens aufwachen und noch Sand zwischen den Zehen haben. Und wenn ich aus dem Bett krabbele, stehen entweder meine FlipFlops bereit oder es ist nicht zu kalt barfuß durchs Haus zu laufen. An den Wänden hängen kleine Gemälde durch die seidige Vorhänge weht der Wind.

In der Küche stehen die leeren Weinflaschen der vergangenen Abende und der Hund liegt breit auf den kalten Flurfliesen. Ich pflücke frische Orangen und Oliven und vielleicht auch einen Pfirsich. Es durftet nach frischen Tee oder Kaffee. Vor dem Haus spielen Kinder im staubigen Sand und so langsam beginnt der Tag. Auch wenn es bereits weit nach Mittag ist.

Ich ziehe mich zurück und arbeite an meinem Laptop. Dazu genieße ich einen frisch gebackenen Zitronenkuchen und irgendwann kommt mein Mann und gibt mir einen verschlafenen Guten-Morgen-Kuss auf die Stirn. Wir erledigen hier und da jeder seine Dinge und am Abend gehen wir gemeinsam zu Freunden. Ein Grill-Abend am Strand steht an.

Zu Weihnachten machen wir nix, außer den Schnee vom Dach unserer kleinen Hütte fegen, weil er droht die Ziegel arg zu beschädigen. Warm eingekuschelt genießen wir die Ruhe. Draußen. Drinnen. Überall. Zum Fest muss er arbeiten und ich hüte unsere Feuerstelle. Fertig, aber glücklich, sinken wir tief in den Schlaf.

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Kinder über Liebe

Es ist schon erstaunlich, wie Kinder über Liebe denken. Teilweise wahr und teilweise erschreckend, welche Auffassung von Liebe ihnen mit auf ihren Lebensweg gegeben wird. Aber seht selbst, wie Kinder über Liebe denken:

‘Kinder und Betrunkene sagen die Wahrheit’ heißt es. Wie ist eure Wahrheit von Liebe?

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Daily Day

Ein langer Tag neigt sich stündlich dem Ende zu. Auf den Ohren liegt Al Stewart mit ‘The Year of the Cat’. Die Gedanken kreisen um einen schon etwas länger zurück liegenden Abend, der mich an die talentierten Hände eines Künstlers erinnert. Seine Bilder geben die Seele des Meeres wieder. Zumindest so, wie ich das Meer vor unserer Haustür kenne. Ein Beispiel:

Ich sauge so lange ich kann die Luft um mich herum ein. Der Lautsärkepegel ist unfassbar. Das salzige und eiskalte Wasser säumt meine Füße und kitzelnd zieht der Ozean den Sand unter mir in die Ferne. Der sonst fast weiß schimmernde Sand ist durch die rauen Wellen dunkel gefärbt und wirkt fast bedrohend. Viele kleine Muscheln liegen in winzig kleine Teile zerbarsten im nassen Sand. Ihr Schicksal endet dort, wo die Reichweite der Welle endet. Die Arme des Meeres haben also eine begrenzte Reichweite. Und was ist mit den Beinen?

Mein Respekt vor dem Meer ist unbeschreiblich. Der vor der Kunst von Lars Möller übrigens auch. Wenn ich groß bin, dann kaufe ich mir das Bild.

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Gerhard Schöne

Es gibt Menschen, die haben sich tief in meinen Kopf gebrannt. Darunter zählt Gerhard Schöne. Während meiner Kindheit hatten wir alle Schallplatten seiner Kinderliedersammlung. Und ich habe sie immer bis tief in die Nacht verschlungen. Seine Texte klären spielerisch und durch seine bildhaften Umschreibungen einprägsam über das auf, was einem Kind im Erwachsenenleben bewusster werden wird. Darunter fallen z.B. Themen wie Krieg, Natur und Liebe. Genug geredet. Listen and repeat:

Track 1

Track 2

Track 3

Für mich wurden dank Gerhard Schöne Brücken geschaffen, die viele Kinder heute nicht kennen. Ich bin sehr dankbar für diese Lebensbereicherung, die ich auch als Erwachsener noch genieße. Und nun wünsche ich auch den DDR-Pessimisten viel Spaß beim Hören. :D

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Vertrautes Gesicht

Auf einer Wiese, zwischen all dem Gras, schauten mich ein paar vertraue Blätter an. Ich ging vorbei. Auch an den nächsten ging ich vorüber. Doch dann blieb ich stehen, bückte mich und zupfte ein kleines, frisches Blatt aus der Erde. Als ich es in den Händen hielt, fiel ich aus allen Wolken. Es waren Eikalikalokis™. Das war das Wort, was ich als Kind immer zur Verblüffung aller benutzte, um Sauerampfer zu benennen.

Wir saßen als Kinder immer auf einer Wiese bei einer Nachbarin, die ihr Eigentum nur als Sommerresidenz nutzte. Unser Haus war etwas abseits von der Straße gelegen und wir Kinder und Nachbarskinder nutzen das Grundstück der Nachbarin immer, um etwas näher am Geschehen unseres kleinen Ortes zu sein (und sicherlich auch, um von den Eltern etwas abseits zu rücken). Dort saßen wir nun dicht zusammen auf der grünen Wiese und erzählten uns Geschichten. Dabei ernteten wir wie große Bauern in unserem Radius die Blätter der Sauerampferplanze. Niemand erzählte uns, dass die kleinen Blätter, den wohlhabensten Geschmack haben. Dennoch wussten wir es und jeder suchte so viel er eben essen konnte für sich. Unzählige Tage kehrten wir mit Bauchschmerzen nach Hause zurück, trotzdem haben die sauer schmeckenden Blättchen einen derart eigensinnigen Geschmack hinterlassen, dass ich ihn zwischen den Jahren meiner Kindheit und heute oft auf der Zunge hatte.

Als ich das kleine Blatt vorsichtig in meinem Mund zerkaute, belebte es in mir all die Bilder, die ich mit einem Schleier verdeckt, aber nicht vergessen hatte. Mit der Sonne im Rücken kam mir nur ein einziger Gedanke auf: danke für all die schönen Momente.

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