Tag Archives: Krieg

Ich hatte einen Traum

Ich hatte einen Traum. Einen Tagtraum.
Jemand holte alle Sterne vom Himmer, verteilte sie auf der Erde. Einen für jedes Land, jeden Menschen, jedes Tier. Die ganze Welt begann zu leuchten, erhellt vom lichten Schein der Stern.
Freude breitete sich aus, Liebe und Frieden.
Beim Erwachen freute ich mich über diesen schönen Gedanken. Ich schaute mich um, gespannt, was die Menschen wohl mit den erhaltenen Sternen machten. Das Bild aber entsprach nicht meinem Traum. Die Menschen stritten sich, wessen Stern der schönste, strahlendste war. Einer stahl die Sterne der Mitmenschen, um selbst noch mehr zu leuchten, ein andere brachte seinen Stern zur Bank, um noch mehr Sterne zu erhalten. Trauer breitete sich aus, Neid und Krieg.
Beim Eindunkeln blickte ich zum Himmel. Doch da fehlte etwas, was mir sonst Hoffnung machte. Etwas, was mit den Weg zeigte, mich träumen ließ von einer anderen Welt. Nun blickte ich nur ins schwarze Nichts, eine dunkle Schwere über uns.
Ich hatte einen Trau. Einen Tagtraum.
Jemand brachte alle Sterne zum Himmel zurück. Dafür entzündete er die Sterne im Herzen. Im Herzen jedes Menschen, jedes Tieres, jeder Pflanze. Alle begannen von innen heraus zu leuchten. Sie schmückten sich nicht mehr mit einem fremden Licht, die Wärme kam aus ihrem Herzen. Kein Wetteifern mehr, wer den größten, schönsten Stern hatte. Wenn sie ihn gut pflegten, wuchs der Stern in ihnen. Und wenn sie einen Stern im Herzen der Mitmenschen entzündeten, spürten sie auch die Wärme des eigenen Sterns umso stärker. Gemeinsam schauten sie zum Himmel, die Sterne gaben ihnen Mut, Hoffnung und Liebe.
Ich hatte einen Traum. Einen Tagtraum.
Wenn wir daran glauben und den Stern in unserem Herzen entzünden, können wir mit seiner Wärme die Liebe und    Hoffnung weitergeben.

by Nadine Christine Saxer

Lied vom Kindsein

Als das Kind Kind war,
ging es mit hängenden Armen,
wollte der Bach sei ein Fluß,
der Fluß sei ein Strom,
und diese Pfütze das Meer.

Als das Kind Kind war,
wußte es nicht, daß es Kind war,
alles war ihm beseelt,
und alle Seelen waren eins.

Als das Kind Kind war,
hatte es von nichts eine Meinung,
hatte keine Gewohnheit,
saß oft im Schneidersitz,
lief aus dem Stand,
hatte einen Wirbel im Haar
und machte kein Gesicht beim fotografieren.

Als das Kind Kind war,
war es die Zeit der folgenden Fragen:
Warum bin ich ich und warum nicht du?
Warum bin ich hier und warum nicht dort?
Wann begann die Zeit und wo endet der Raum?
Ist das Leben unter der Sonne nicht bloß ein Traum?
Ist was ich sehe und höre und rieche
nicht bloß der Schein einer Welt vor der Welt?
Gibt es tatsächlich das Böse und Leute,
die wirklich die Bösen sind?
Wie kann es sein, daß ich, der ich bin,
bevor ich wurde, nicht war,
und daß einmal ich, der ich bin,
nicht mehr der ich bin, sein werde?

Als das Kind Kind war,
würgte es am Spinat, an den Erbsen, am Milchreis,
und am gedünsteten Blumenkohl.
und ißt jetzt das alles und nicht nur zur Not.

Als das Kind Kind war,
erwachte es einmal in einem fremden Bett
und jetzt immer wieder,
erschienen ihm viele Menschen schön
und jetzt nur noch im Glücksfall,
stellte es sich klar ein Paradies vor
und kann es jetzt höchstens ahnen,
konnte es sich Nichts nicht denken
und schaudert heute davor.

Als das Kind Kind war,
spielte es mit Begeisterung
und jetzt, so ganz bei der Sache wie damals, nur noch,
wenn diese Sache seine Arbeit ist.

Als das Kind Kind war,
genügten ihm als Nahrung Apfel, Brot,
und so ist es immer noch.

Peter Handke / Bruno Ganz

Gerhard Schöne

Es gibt Menschen, die haben sich tief in meinen Kopf gebrannt. Darunter zählt Gerhard Schöne. Während meiner Kindheit hatten wir alle Schallplatten seiner Kinderliedersammlung. Und ich habe sie immer bis tief in die Nacht verschlungen. Seine Texte klären spielerisch und durch seine bildhaften Umschreibungen einprägsam über das auf, was einem Kind im Erwachsenenleben bewusster werden wird. Darunter fallen z.B. Themen wie Krieg, Natur und Liebe. Genug geredet. Listen and repeat:

Track 1

Track 2

Track 3

Für mich wurden dank Gerhard Schöne Brücken geschaffen, die viele Kinder heute nicht kennen. Ich bin sehr dankbar für diese Lebensbereicherung, die ich auch als Erwachsener noch genieße. Und nun wünsche ich auch den DDR-Pessimisten viel Spaß beim Hören. :D

Nachempfindung

Am Sonntag Abend zappten wir uns durch das Fernsehprogramm. Da die meisten Filme nur noch wenige Minuten liefen, blieben wir bei einem stehen, der gerade erst begonnen hatte: ‘Attentat auf Richard Nixon’ mit Jean Penn passte zum Einen zu den Präsidentschaftswahlen in den USA und zum Anderen versprach der Schauspieler eine klasse Darbietung zu bringen.

TV Programm

Attentat auf Richard Nixon – 02.11.2008 00:05 – ARD

Bedrückender Film mit einem brillanten Sean Penn.

Sein Hund ist der einzige echte Freund, den Sam (Sean Penn) noch hat. Bekommt er sein Leben wieder in den Griff?

Sein Hund ist der einzige echte Freund, den Sam (Sean Penn) noch hat. Bekommt er sein Leben wieder in den Griff? © ARD / DegetoSam kann nicht lügen, deshalb ist er in seinem Job als Verkäufer auch nicht erfolgreich. Als seine Frau Marie (Naomi Watts) auch noch die Scheidung einreicht, knallen bei Sam die Sicherungen durch. Die Schuld an seinem Versagen gibt er dem System und an dessen Spitze, Präsident Richard Nixon. Sam plant, ein Flugzeug zu entführen, um damit ins Weiße Haus zu fliegen und den Präsidenten zu töten. Bedrückender Film mit einem brillanten Sean Penn. Mit Sean Penn, Naomi Watts, Don Cheadle.

Ich weiß nicht, wie viele von euch den Film gesehen haben. Mein Gefühl während fast jeder Szene war absolute Nachempfindung. Und ich kann euch genau sagen warum:

  • Sam Bicke hat die Lügen satt, die er den Kunden auftischen muss, um Geld für sein Leben zu erhalten.

Ich hätte einen ‘für die Gesellschaft’ guten Job haben können, in dem ich durch Lügen ein monatliches Gehalt zum Leben gehabt hätte.

  • Sam Bicke hört niemand zu. Seine Persönlichkeit wird von niemandem wahrgenommen oder angenommen.

In meiner Jugend, und teilweise noch heute, habe ich mich nie ernst genommen gefühlt. Das geht sogar so weit, dass ich sagen würde, das mein ICH nie repsektiert wurde/wird.

  • Sam Bicke ist intelligent. Er hat Ideen und steht zu 100% hinter ihnen. Die perfekte Voraussetzung für eine 100% Umsetzung. Aber niemand nimmt ihn und seine Ideen für voll.

Ich bin intelligent und zielstrebig, um meine Ideen zu 100% umsetzen zu können. Doch Unterstützung bekomme ich dabei herzlich wenig.

  • Sam Bicke versucht seine Gefühle und Gedanken in Worte zu packen. Doch niemand ‘will’ oder ‘kann’ ihn verstehen. Das Gesprochene wird schnell falsch interpretiert.

Manchmal habe ich das Gefühl, dass ich meine Gedanken und Gefühle auch nicht in Worte packen kann. Trotzdem versuche ich es und dabei werde ich oft falsch verstanden.

  • Sam Bicke hat einen schwarzen Freund. Durch sein ‘Anderssein’, nämlich seiner Hautfarbe, wird er von der ‘Gesellschaft’ teilweise respektlos behandelt. Er hat resigniert und lebt damit.

Meine Freunde werden oft schief angeschaut und nicht ernst genommen, weil sie anders denken, als die ‘Gesellschaft’.

  • Sam Bicke übt Kritik am politischen System. Er erkennt die falschen Versprechen der Regierung und wehrt sich nach Außen sowie nach Innen dagegen.

Ich habe festgestellt, dass ich nicht so leben kann, wie die ‘Gesellschaft’ es gerne hätte. Meine Offenheit das zu zeigen, stößt nicht überall auf Gegenliebe.

  • Sam Bicke erlebt Phasen, in denen er sich so allein fühlt, das sein Körper förmlich betäubt ist oder er die Kontrolle über ihn verliert.

In meiner Jugend habe ich schwere Wutausbrüche gehabt, wenn ich nicht reskepktiert worden bin. Ich habe mich taub in eine Ecke zurückgezogen und hatte üble Gedanken für meine Mitmenschen übrig.

Durch die vielen Parallenen, und ich habe nur einige Beispiele aufgezählt, habe ich mich teilweise in Sam Bicke gesehen. Der Film steckt, mit Ausnahme des geplanten Attentats, voller Nachempfindung meinerseits. Das System in dem wir leben, empfinde ich ebenfalls als erkrankt. Der Preis, sich dem nicht zu ergeben, ist hoch! Ich habe mich soweit unter Kontrolle, dass ich das mit mir allein ausmachen kann. Meinen Weg werde ich fortsetzen und ich danke Gott dafür, dass es Menschen gibt, die mich verstehen und ich nicht wie Sam Bicke handele.

Unglaubliche Kriegsgeschichte einer Nachbarin

Ich bin 24 Jahre alt und kann es kaum glauben, was Menschen in ihrem Leben schon alles ertragen haben.

Ich saß eben hinterm Haus in der Sonne, da kommt eine Nachbarin aus einem anderen Aufgang zu mir auf die Bank und wir plaudern ein wenig. Plötzlich schießt ein Flugzeug im Himmel vorbei und lärmt wie ein Gewitter. Die Frau, stramm auf die 80 zugehend mit Namen Liselotte, zuckt zusammen und ich frage, ob alles ok ist. Dann fängt sie an zu erzählen:

Damals war ich 10 Jahre alt. Ich hatte zwei Schwestern, anderthalb und vier Jahre. Wir flohen mit unserer Mutter und deren Mutter, also unsere Oma, vor dem Krieg nach Danzig, was zu der Zeit Ostpreußen war. Dort angekommen kamen wir in ein Flüchtlingslager. Dort waren sehr viele Soldaten und ich wunderte mich immer, warum meine Mutter nur im Keller war und wir keinen Zutritt zu dem Raum hatten, in dem sie sich aufhielt. Ich habe oft nach ihr gefragt, weil sie sich nicht um uns gekümmert hat. Heute weiß ich, dass sie es da unten mit den Soldaten getrieben hat. Ich denke, dass sie sich dafür Geld geben lassen hat. Trotzdem hatten wir nie etwas vernünftiges zu essen oder warme Kleider zum anziehen. Und glauben Sie mir, es war verdammt kalt in Danzig im Januar im Zweiten Weltkrieg.

Ich erinnere mich gut, dass wir immer in den Keller mussten, um auf die Toilette zu gehen. Unsere Oma bat mich, da sie nicht mehr die jüngste war, mit ihr nach unten zu gehen. Ich hielt ihren Arm und wir stiegen die Treppen hinab. Dann schaute sie mich mit großen Augen an und sagte, ich solle auf mich aufpassen. Da hatte ich meine tote Oma mit 10 Jahren in den Armen liegen. Ich habe das nicht verstanden, als die Soldaten nach unten kamen und sie in die Ecke zu den anderen Toten, vor allem Soldaten, im Obergeschoss legten. Ich dachte immer: Oma ist doch bestimmt kalt. Warum macht denn keiner was? Also gab ich ihr meine Handschuhe, meinen Schal und meine Mütze. Dabei habe ich sehr gefroren. Ich schaute oft in die Ecke zu meiner Oma. Tagsüber kamen die Soldaten und schleppten die toten Männer nach druaßen in ein Massengrab. Ich rief ihnen hinterher, dass sie doch die Oma mitnehmen sollen. Aber dazu hatten sie keine Erlaubnis. Dann irgendwann, ich kann den Zeitraum nicht bennenen, ich weiß nur, dass es unglaublich lange war, nahmen sie die Oma mit.

Wir waren nun schon ein halbes Jahr in diesem Auffanglager, als meine Mutter plötzlich zu uns drei Kindern kam und sagte, dass sie schnell Karten für die Gustloff holen würde, damit wir aus dem Lager weg können. Sie sei gleich wieder da, waren ihre letzten Worte. Ein Soldat beobachtete das Ganze und kam zu mir und meinen beiden Schwestern rüber: ‘Deine Mutter? Das kannst du vergessen. Die ist tot. Die kommt nicht wieder.’ Ich war erstarrt und wusste nicht, was ich davon halten würde. Unsere Mutter kommt nicht zurück? Ich konnte es nicht glauben. Fakt ist aber, dass sie tatsächlich nie wieder kam. Ich weiß bis heute nicht, was damals passiert ist.

Nachdem unsere Mutter uns allein gelassen hatte in dem Flüchtlingslager, kamen wir drei Kinder in ein Heim. Dort gab es eine Bühne, auf die alle Kinder immer wollten, weil man dort den Familien präsentiert wurde, die Kinder adoptieren wollten. Uns war gleich klar, dass wir von diesem Zeitpunkt an getrennt sein würden. Die Armut war auch für ein Kind einfach zu greifbar real. Ziemlich schnell wurden auch wir auf die Bühne gestellt. Eine Familie sagte zu einem Betreuer: ‘Die nehmen wir. Die ist schon 10 Jahre alt und kann arbeiten.’ Meine mittlere Schwester wollte niemand haben, da sie in dem anstrengenden Alter von vier Jahren war. Ich weiß nicht, ob der Versuch ihr einen neuen Namen zu geben und sie äußerlich anders zu gestalten etwas gebracht hat, sie letztendlich doch noch zu vermitteln. Meine jüngste Schwester wurde von einer Familie adoptiert, die gerade ein Kind verloren hatte. Als Ersatz sozusagen.

Mir ist es in meiner Pfegefamilie schlecht ergangen. Ich musste von morgens bis abends hart arbeiten. Der ganze Haushalt wurde von mir geführt. Ich bin mit 18 von zu Hause ausgezogen, da ich meinen Mann kennenlernte und wir heirateten. Wir bekamen zwei Kinder, zwei Jungs, und führten ein sehr glückliches Leben. Vor 23 Jahren ist er dann an körperlichem Versagen gestorben. Ich habe sehr gekämpft um ihn. Aber der Tod war stärker.

Meiner kleinen Schwester erging es besser in der Kindheit: sie wurde von ihren reichen Eltern sehr geliebt. Heute hat sie viel geerbt und kann drei Häuser ihr Eigen nennen. Allerdings hat sie einen grausamen Mann, der ihr ALLES verbietet. Ich kann nicht einmal mit ihr telefonieren. Daher haben wir sehr wenig Kontakt.

Was aus meiner mittleren Schwester geworden ist, das weiß ich ebenso wenig, wie was aus unserer Mutter geworden ist. Da sie einen anderen Namen bekam, habe ich keinen Ansatzpunkt, nach wem ich suchen könnte. Was aus meiner Mutter geworden ist, will ich nicht wissen. Sie hat drei kleine Kinder zurück gelassen und es interessiert mich nicht, wie es ihr geht. Sie hat sich auch nicht für uns interessiert.

Heute habe ich einen Freund, mit dem ich mich
ab und zu treffe. Aber ich bin lieber allein, wenn ich ehrlich bin. So ist das Leben eben. Und nun bin ich schon bald 80 Jahre alt.

Mir ging diese Geschichte sehr nahe. Diese Frau hat seit fast 70 Jahren weder ihre Mutter noch ihre mittlere Schwester gesehen. Sie hat ein paar Anläufe genommen, um vor allem ihre Schwester zu finden. Doch durch den anderen Namen, den sie damals bekam, sieht sie keine Chance dieses Puzzle ihrer Familie zusammen zu fügen.

Dieses Schicksal entstand nur durch Krieg. Eine Seele wurde dadurch schwer beschädigt. Menschen, die sich mal sehr nahe waren, wurden auseinander gerissen und manch einer handelte, wie er es vielleicht nie hätte tun müssen. KRIEG ist nur Dunkel. Im Krieg befindet sich kein LICHT.

Ich würde dieser Frau so gerne helfen, da mich ihr Schicksal wirklich berührt. Vielleicht deshalb, weil es für mich so schwer vorstellbar ist, so etwas erlebt zu haben.

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flickr Photo by trickyvickylynn