Radius

Ich blicke um mich. Der Radius, in dem ich mich bewege, ist beschränkt. Also taste ich mich langsam vor. Schaue vorsichtig um mich. Keine Hast, nur die Ruhe, denke ich mir. Langsam strecke ich die Arme von mir, berühre den Kreis, der mich begrenzt, ziehe mich erschrocken zurück. Nicht aufgeben, sage ich mir. Ich schließe die Augen, nehme all meinen Mut zusammen und versuche es erneut. Die erste Berührung, ein Blinzeln, ich sehe es. Ich öffne die Augen, blicke neugierig um mich. Alles ist gut.

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FrauLehmann schreibt ein Buch

Die Erlebnisse der vergangen Wochen, Monate und Jahre haben dazu geführt, dass ich all die Dinge in meinem Kopf nicht mehr nur in meinem Blog schreiben mag, sondern in ein richtiges Buch. Deshalb sitze ich bereits seit vielen Stunden an der Anfertigung meines Werkes, was den Namen “Die andere Hälfte” tragen wird. Ihr dürft gespannt sein, denn eine Fortsetzung ist bereits geplant und hat Dank eines Bekannten auch schon den aberwitzigen Namen “Die dritte Hälfte”.

Ein kleiner Vorgeschmack:

 

Sie fragen sich, warum Sie sich dieses Buch gekauft haben. Ich kann Ihnen diese Frage nicht beantworten, aber ich verrate Ihnen, worum es in diesem Buch geht: Seien Sie nicht enttäuscht, denn auf den folgenden Seiten gibt es weder eine Figur aus einem Rosamunde Pilcher Roman, noch eine vollständige Autobiografie des Autors. Zumindest aber können Sie zwischen den Zeilen Auszüge aus einem Leben entdecken und Geschichten, die Sie vielleicht sogar schon einmal selbst erlebt haben, verpackt in einer Person namens Emmy. Und Emmy ist durchaus eine Lesereise durch diesen Carpaccio-dicken Schinken wert. …

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Mein Buch wird als eBook erhältlich sein. Mehrere kleine Geschichten, die liebevoll aufeinander aufbauen, sind für unterwegs, zwischen den Kindern und abends unter der Decke gedacht. Für alle, die gerne Lesen oder sich dahin entführen lassen.

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Auf dem Weg der Sensibilität

Auf dem Gehweg, entlang einer langen Straße, machte sich eine Gestalt auf den Weg, die sich Sensibilität nannte. Auf ihrem Rücken trug sie einen leeren Rucksack und in der Hand einen Stock, der sie stützen sollte. Nachdem die Sensibilität nach einigen Stunden bereits viele Meter hinter sich gebracht hatte, kam ihr etwas Dunkles entgegen und bäumte sich vor ihr auf. “Stopp! Du kannst hier nicht durch”, schrie eine tiefe Stimme ihr entgegen. “Aber das ist mein Weg und ich will ihn gehen”, erwiderte die Sensibilität. “Welchen Teil von ‘du kannst hier nicht durch’ hast du nicht verstanden”, schrie die zornige Gestalt der Sensibilität entgegen. Es war die Wut, die der Sensibilität versuchte Steine in den Weg zu legen. “Ich bin die Sensibilität und dies ist mein Weg”, klang es zart aus der Sensibilität. Verwundert über die Art und Weise der Sensibilität trat die Wut einen Schritt zur Seite. “Nun gut, du kannst den Weg passieren und weiter reisen. Aber nur weil du es bist!” So nahm die Sensibilität ihren Stock in die Hand und schritt an der Wut vorbei. “Vielen Dank”, sagte die Sensibilität freundlich und ging weiter. Es vergingen weitere Stunden und die Sonne sank langsam am Horizont, als die Sensibilität auf eine weitere Gestalt traf. Sie schien unendlich groß und voller Stolz zu sein und die Sensibilität war tief beeindruckt von der Erscheinung. “Wer bist du”, fragte die Sensibilität neugierig. “Ich bin der Mut”, antwortete das unglaubliche Wesen ohne Zögern. “Ich bin so groß, weil ich mich Dinge traue und andere Dinge von mir weise. Das alles macht mich aus.” Nachdem sich beide einen langen Moment angelächelt hatten, erzählte die Sensibilität von ihrer Reise und dem Weg, den sie gehen wollte. “Ich gebe dir ein Stück Kraft als Schutz von mir mit”, sagte der Mut und strecke der Sensibilität ein Päckchen entgegen. “Ich werde dein Geschenk gut in meinem Rucksack verstauen”, antwortete die Sensibilität und beide verabschiedeten sich freundlich. In der Nacht schlief die Sensibilität unter einem Verschlag und brach schon früh am nächsten Morgen auf, um ihren Weg weiter zu begehen. Dabei bemerkte sie, dass der Stock überflüssig geworden war. Sie legte ihn behutsam zur Seite, so dass ein anderer Wanderer ihn jeder Zeit nehmen konnte, sofern er ihn brauchte. Beglückt vor Freude nun beide Hände beim Laufen frei zu haben, bekam die Sensibilität nicht mit, dass sie im Kreis gegangen war. Vor ihrer Haustür angekommen, realisierte sie ihren Weg, der sie  mit einem Stück mehr Mut im Gepäck und Begegnungen reicher gemacht und zu ihr selbst zurück gebrachte hatte. Willkommen zu Hause, liebe Sensibilität.

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Flugbegleiter

“Siehst du den Berg dort hinten?”

“Ja. Warum?”

“Weil ich mich die ganze Zeit frage, was wohl dahinter ist.”

“Und warum willst du das wissen?”

“Wenn ich das wüsste!”

Du gehst eine Straße entlang und weißt nur was sich gerade jetzt unter deinen Schuhen befindet – Asphalt, Sand oder einfach nur Boden. Schon beim nächsten Schritt könntest du hinfallen, mitten in einem Geldregen stehen oder einer Person begegnen. Du denkst, du weißt, wohin dein nächster Schritt führt? Ist es wichtig für dich, das zu wissen? Wir sitzen im Flugzeug ohne Reiseziel und das ist auch gut so. Auch wenn die Landung nicht immer sanft ist.

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Der große Schmetterling

Unendlich viele Regenbögen spiegeln sich auf seinen Flügel wider. Sobald er in die Lüfte abhebt, breiten sich die Schwingen des Schmetterlings bis über die Grenzen aller Länder hinweg aus. Noch weit entfernt spürt man den Luftzug seine Fluges. Wie ein weicher Wind streichelt er den Menschen über das Gesicht, durch das Haar und manche bekommen sogar eine Gänsehaut dabei.

 

Ständig ist er auf der Reise. Er rastet hier und da. Aber ruhen tut er nie. Seine Augen sehen selbst wenn sie geschlossen sind alles. Und sie sehen auch das Nichts. Darauf versucht der große Schmetterling uns aufmerksam zu machen. Seine Mühe kostet ihn nichts, aber uns sehr viel. Und nun steht ein weiterer Kampf für ihn bevor – der Kampf gegen Biene Maja.

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Daily Day

Ein langer Tag neigt sich stündlich dem Ende zu. Auf den Ohren liegt Al Stewart mit ‘The Year of the Cat’. Die Gedanken kreisen um einen schon etwas länger zurück liegenden Abend, der mich an die talentierten Hände eines Künstlers erinnert. Seine Bilder geben die Seele des Meeres wieder. Zumindest so, wie ich das Meer vor unserer Haustür kenne. Ein Beispiel:

Ich sauge so lange ich kann die Luft um mich herum ein. Der Lautsärkepegel ist unfassbar. Das salzige und eiskalte Wasser säumt meine Füße und kitzelnd zieht der Ozean den Sand unter mir in die Ferne. Der sonst fast weiß schimmernde Sand ist durch die rauen Wellen dunkel gefärbt und wirkt fast bedrohend. Viele kleine Muscheln liegen in winzig kleine Teile zerbarsten im nassen Sand. Ihr Schicksal endet dort, wo die Reichweite der Welle endet. Die Arme des Meeres haben also eine begrenzte Reichweite. Und was ist mit den Beinen?

Mein Respekt vor dem Meer ist unbeschreiblich. Der vor der Kunst von Lars Möller übrigens auch. Wenn ich groß bin, dann kaufe ich mir das Bild.

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Menschliche Stadtbilder

Just im Moment des Aufbruches in die Innenstadt fängt es an zu regnen. Der Himmel ist in ein einheitliches Grau getüncht und verschleiert die Farben des eigentlichen Sommers. Die Luft ist kalt und fast möchte man zurück ins Bettchen kriechen und den Tag von dort aus beobachten. Ich überlege kurz den Winterpullover, der sich in meinem Koffer verirrt hat, rauszuholen. Entschließe mich dann aber dem Wetter meine Resistenz zu zeigen. Mutig kämpfe ich mich bis zur Bushaltestelle. Dabei meinen es die Bäume besonders schlecht gut mit mir und lassen ihre dicksten Tropfen auf meinen Körper tropfen.

Der Bus ist bestückt mit Gestalten, die das Wetter ertragen. Ein Mann hält einen Sack Kartoffeln fest, als würde dieser jeden Moment von allein losrennen. Etwas weiter vorne sitzt eine Frau, deren Mund eine auffällige Größe aufweist. Beim Lachen bemerkt man ihre Scham über die fehlenden Zähne. Ihr Sohn ist ein ein süßer Fratz im Kindergartenalter. An der Haltestelle steigt eine weitere Frau ein. Ihre gesundheitlichen Problem durchdringen beim Gespräch mit dem ‘Kartoffelmann’ den ganzen Bus. Ihre Alkoholfahne ebenfalls. Sie muss zur Bank, bekundet sie offen. Mit einer Plastiktüte und einer Adidassporthose bewegt sie sich zu den hinteren Sitzen.

Am Hauptbahnhof entdeckt man keine großen Spuren der Loveparade des vergangenen Wochenendes. Ein einzelner dünner dürrer Jugendlicher bewegt sich wie nicht von dieser Welt durch die Bahnhofshallen. Ich brauche Zigaretten und steuere auf das Tabakgeschäft zu. Die Frau hinter dem Tresen hat stimmlich eine gewaltige Ähnlichkeit mit Anke Engelke, alias Ricky’s Popsofa. “Ich bin neu hier, ich kann noch nicht alles” speite sie den Kunden mit krächtzender Stimme entgegen. Dabei wirkte sie unsicher.

Im Frisörladen im 2. Stock angekommen schaue ich auf einen nassen Platz draußen. Meine Beine wippen im Takt der Housemusik. Gleichzeitig huscht ein Rollstuhlfahrer mit einem Bein, sein Schwungbein, durch den Regen über den Platz. Sein eines Bein bewegt sich wie meines genau im Takt. Fast könnte man meinen, er hört die Musik.

Es regnet immernoch. Ich suche Schutz beim Laufen unter den Vordächern der Läden, um so halbwegs trocken zurück zum Bahnhof zu gelangen. Meinen Weg versperren mir Menschen, die trotz Schirm die selbe Idee haben. Why the funk? Eine lebensgefährliche Angelegenheit, wenn man als Schirmherr Schirmträger nicht geradeaus schauen kann will. Hauptsache die Haare liegen, liebe Schirminhaber!

Die letzte Begegnung des Tages ist ein unglaublich dicker Mann. Er stützt sich kränklich auf zwei Krücken. Viel Bewegung ist nicht im Spiel. Im Bus dann noch eine Mama mit ihrem kleinen Mädchen, die unglaublich neugierig und frei in der Weltgeschichte umherguckt.

Ich lasse das Wettergrau draußen und mache es mir am PC gemütlich. Hier bin ich Mensch, hier darf ich sein. Hier bin ich Ich.

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